Darwins Evolutionstheorie revidiert: Auch erworbene Fähigkeiten werden vererbt
Seit 1859 Charles Darwin mit „Die Entstehung der Arten“ die Evolutionslehre begründete, hatten wir keinen Zweifel an der Artenvielfalt durch genetische Mutation. Doch mit den Schaltkreisen der Gene stellt man heute fest, dass der Rivale Lamarck genauso Recht hatte.
Die Theorie über die An- / Abschaltbarkeit bestimmter Gene hat die Erkenntnis gebracht, dass Veränderungen – nicht so wie von Darwin vermutet – ausschließlich durch zufällige Mutationen entstehen, sondern auch erworbene Fähigkeiten und Erfahrungen an nächste Generationen weitergegeben werden können. Hier spielen insbesondere auch Umwelteinflüsse eine Rolle. Mit der RNA Interferenz-Methode können defekte Gene abgeschaltet werden und umgekehrt kommen wir der Genmanipulation beim Nachwuchs plötzlich erschreckend nahe.
Das vergessene Extra: Die epigenetischen Informationen
Die molekulare Genetik-Forschung will herausfinden, ob tatsächlich nur genetische Mutationen, also eine Veränderung des Erbguts, vererbbar sind oder auch unmittelbare Erfahrungen an das Kind weitergegeben werden. In verschiedenen Studien wird der Einfluss epigenetischer Informationen untersucht. Diese neue Erkenntnis wirft ein neues Licht auf die Verantwortung für das eigene Leben und das des Nachwuchses.
Vererbung bei Fliegen und Menschen
Im Heidelberger Zentrum für Molekularbiologie hat Prof. Renato Paro bei der Erforschung von Fliegen der Gattung Drosophila bestätigen können, dass bestimmte Umwelteigenschaften durch die Keimbahn in die nächste Generation gelangen können.
Auch Prof. Joachim Klose von der Berliner Charite stellte fest, dass Kinder, deren Väter vor der Zeugung regelmäßig oder einmalig viel Alkohol zu sich nahmen, durchschnittlich 137 Gramm untergewichtiger waren als normalerweise. Dabei war das genetische Material jedoch nicht mutiert.
Fliegen geben erworbene Eigenschaften weiter
In der Untersuchung stellte man fest, dass die Drosophila tatsächlich Erfahrungen, die sie vor der Befruchtung gemacht hatte, ohne genetische Veränderung an die nächste Generation weitergab. Mit äußerster Mühe wurden einige Drosophila-Larven einem Hitzeschock unterzogen. Diese Larven bekamen rote Augen durch den Umwelteinfluss, die Erfahrung der Hitze. Ihr genetisches Material blieb dabei aber unverändert.
Unter den Larven, die keine Umweltveränderungen erlebten, traten keine roten Augen auf. Die roten Augen als Reaktion auf eine erworbene Eigenschaft wurden jedoch an die nächste Generation Drosophila vererbt.
Recht und Unrecht um Darwin und Lamarck
Die Erkenntnis über die Instabilität epigenetischer Informationen und die spontane Anpassung des Schaltsystems der Gene wird erstaunliche Konsequenzen bringen. Die gesamte Evolutionstheorie Darwins ist plötzlich in einem völlig neuen Licht zu sehen. Die Evolution könnte viel schneller und gezielter abgelaufen sein, als wir sie uns bisher mit Darwin vorgestellt haben.
Diese Veränderung des Weltbildes einer Gesellschaft verlangt nun nach nachweislichen Indizien und gen-biologischen Durchbrüchen: Der Streit zwischen dem großen Charles Darwin und seinem verspotteten Rivalen Lamarck, der schon vor 190 Jahren von der Vererbung erworbener Eigenschaften sprach, muss geschlichtet werden. Vielleicht erlangt Lamarck so ja doch noch post mortem Ruhm und Ehre.
Gene anknipsen und Erbkrankheiten ausschalten
Obwohl die Methode der RNA-Interferenz im Detail noch nicht fertig erforscht und anwendbar ist, erweckt sie große Hoffnungen für die Medizin. Auch andere tödliche Krankheiten könnten vielleicht bald durch künstliche Genmanipulation behandelt werden.
Die Forscher bringen eine künstliche RNA in den Organismus, der praktisch jede Boten-RNA gezielt eliminieren kann und verhindert so die Produktion des unerwünschten Proteins, das krank macht. Bei Krebspatienten konnte nach der Behandlung mit diesem Verfahren weniger krankmachendes Protein in den Krebszellen nachgewiesen werden.
