Autismus bei Savants – Inselbegabung durch Gehirnstörung?
Autismus ist eine Krankheit, die von der Weltgesundheitsorganisation als eine schwerwiegende Entwicklungsstörung definiert wurde. Wie kommt es, dass Savants – sogenannte Inselbegabte – oft Autisten sind?
Die Erkrankung wird von einigen Medizinern und Betroffenen als eine angeborene, unheilbare neurologische Störung beschrieben, deren Symptome sich bereits im frühen Kindesalter bemerkbar machen. Andere sehen in ihr hingegen einen „abweichenden Informationsverarbeitungsmodus“, der durch soziale Inkompetenz, Kommunikationsprobleme und starre Verhaltensweisen zum Ausdruck kommt. Im Gegensatz dazu zeigen die Patienten oft außergewöhnliche Stärken bezüglich ihrer Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und – vor allem – ihrer Intelligenz.
Neue Kriterien bezüglich der Diagnose unterscheiden zwischen dem frühkindlichen Autismus, der auch als Kanner-Syndrom bezeichnet wird, und dem Asperger-Syndrom, welches sich oft erst nach dem dritten Lebensjahr zeigt. Einige Mediziner gehen hingegen von einer Störung aus, die sich in unterschiedlichen Schweregraden zeigt.
Krankheitsbild Autismus
Autismus tritt in den unterschiedlichsten Ausprägungen auf, die von leichten Problemen des Verhaltens bis hin zu schwerwiegender geistiger Behinderung reichen. Allerdings haben alle Betroffenen gemeinsam, dass sie in ihren sozialen Kompetenzen stark beeinträchtigt sind. So fällt es ihnen schwer, mit anderen zu sprechen und Körpersprache sowie Mimik richtig zu deuten und einzusetzen.
Die Erkrankung wurde von dem Psychiater Eugen Bleuler klassifiziert und als Rückzug in eine eigene geistige Welt beschrieben. Bleuler leitete den Begriff Autismus vom griechischen Wort „autos“ ab, was soviel wie „selbst“ bedeutet. Damit meinte der Mediziner „die Loslösung von der Wirklichkeit zusammen mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Innenlebens“.
Autisten haben große Probleme, sich in das Denken und Fühlen anderer Personen hinein zu versetzen. Ältere Patienten, die sich sprachlich ausdrücken können, berichten von einem Gefühl, als lebe man als Fremder auf einem weit entfernten unbekannten Planeten. Etwa die Hälfte der Betroffenen kann sich verbal nicht äußern.
Savants – Unglaubliche Gedächtnisfähigkeit
Bei Savants handelt es sich um Menschen, die trotz kognitiver Beeinträchtigungen auf einem bestimmten Gebiet exorbitante Leistungen erbringen können. Das Savant-Syndrom wird auch als Inselbegabung bezeichnet. Etwa die Hälfte der Savants sind Autisten.
Der wohl bekannteste Inselbegabte ist der Amerikaner Kim Peek, der das Vorbild für die im Film „Rain Man“ auftretende Figur Raymond Babbitt war. Seine besondere Fähigkeit beruhte darauf, dass er zwei Seiten gleichzeitig lesen konnte. Dabei scannte er mit dem linken Auge die eine und mit dem rechten Auge die andere Seite und benötigte so nur acht Sekunden, um das Gelesene in seinem Gehirn abzuspeichern. Nach eigenen Angaben hat er sich so den Inhalt von 12.000 Büchern angeeignet.
Darüber hinaus hatte er sämtliche Straßennetze der Welt, alle Telefonvorwahlen der Vereinigten Staaten, den Kalender und das komplette TV-Programm in seinem Gedächtnis abgespeichert. Aber trotz seiner unglaublichen Fähigkeiten war es ihm nicht möglich, allein zu leben.
Diese Gegensätze treten bei den meisten Savants auf. Enorme geistige Fähigkeiten stehen im Kontrast zu verkümmerten sozialen Kompetenzen. Einige von ihnen haben einen sehr niedrigen Intelligenzquotienten und haben Probleme, Rechts von Links zu unterscheiden. Meist können die Betroffenen nicht einmal selbstständig eine Straße übnerqueren.
Der Wissenschaft ist es bisher noch nicht gelungen, eindeutige Ursachen für das Savant-Syndrom zu nennen. Viele Untersuchungen haben aber ergeben, dass die Betroffenen in der linken Hemisphäre geschädigt sind oder dass die Verbindung zwischen beiden Hemisphären gestört ist. Eine Tatsache, die vermutlich mit dem autistischen Krankheitsbild in enger Beziehung steht.
